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Friday, September 20th, 2019

Angelique Kerber: Mit Biss auf die letzten Meter

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by October 23, 2016 General











Auf den letzten Metern beim letzten Turnier des Jahres zählt jeder Schritt, so schwer er auch fallen mag. Es war ein hartes Stück Arbeit für Angelique Kerber beim Sieg am Sonntagabend zum Auftakt der WTA-Finals in Singapur. Beim 7:6, 2:6, 6:3 gegen Dominika Cibulkova sah man ihr deutlich an, dass es in diesem Stadium vor allem darauf ankommt, die letzten Kräfte zu mobilisieren. Und so sieht sie die Sache auch.





Natürlich ist sie kaputt – wie jede der Konkurrentinnen beim letzten Hurra einer zehn Monate dauernden Saison. Nach ihrem Triumph Mitte September bei den US Open in New York und dem Sprung an die Spitze der Weltrangliste hatte sie sich eine kurze Pause gegönnt und war dann nach Asien aufgebrochen. Mit durchwachsenem Erfolg; in Wuhan, Peking und zuletzt in Hongkong hatte sie jeweils relativ früh verloren, es hatte hier und da gezwickt – kein Wunder nach einer Saison mit bis dahin 20 Turnieren, zwei Runden im Fed Cup und den Olympischen Spielen.




Dennoch meinte sie vor dem ersten Spiel in Singapur, es gehe ihr besser als zu Beginn der Tour in Asien und im Übrigen sei die Sache ja so: „Ich kenne mich; ich weiß, dass ich noch mal alles aus mir rausholen werde.“ Auch deshalb, um die Sache im vierten Versuch bei diesem Turnier zum Guten zu wenden. Von neun Gruppenspielen hatte sie zuvor nicht mehr als zwei gewonnen. Und vor allem über die letzte Niederlage im vergangenen Jahr, bei der schon der Gewinn eines Satzes für die Qualifikation fürs Halbfinale genügt hätte, hatte sie sich extrem geärgert; die Geschichte erzählte sie auch in Singapur noch mal.




Also raus aus der frustrierenden Vergangenheit? Nicht so leicht – auch nicht als Nummer eins. Es wurde wie erwartet eine harte Prüfung beim ersten Spiel gegen Dominika Cibulkova, diese temperamentvolle, energische kleine Person. Mit einem Turniersieg in Linz Mitte Oktober hatte sich Cibulkova fürs Saisonfinale qualifiziert, und man sah, dass sie von diesem Sieg eine Menge positiver Energie mit nach Singapur gebracht hatte. Schon den hart umkämpften ersten Satz, der mehr als eine Stunde dauerte, hätte sie gewinnen können, doch mit drei vergleichsweise leichten Fehlern verspielte sie ihren Vorteil im Tiebreak.






Man sah Angelique Kerber an, wie schwer es ihr im 77. Spiel der Saison fiel, sich gegen das Tempo und die Dynamik ihrer Gegnerin zu wehren, und eine größere Erfolgsquote bei ersten Aufschlägen wäre sicher eine Hilfe gewesen. Nach dem am Ende glücklichen Gewinn des ersten Satzes verlor sie den zweiten zügig. Und obwohl es zu Beginn des dritten so aussah, als sei sie wieder im Geschäft, legte die Slowakin gleich wieder nach, aber in dieser Phase, als beider Kräfte schwanden, zeigte Kerber wie so oft in diesem Jahr Biss und Entschlossenheit. Nach einem Rückstand von 1:2 ging sie 4:2 in Führung und danach ließ sie sich nicht mehr vom Weg zum Sieg abdrängen. Erste Aufgabe als Nummer eins beim letzten Turnier des Jahres erledigt, zweite folgt sogleich, am Dienstag gegen Simona Halep aus Rumänien.




Angelique Kerber wusste seit Ende August, dass sie sich für das Turnier der besten acht des Jahres qualifiziert hatte; man kann also sagen, sie habe sich dem Turnier mit zwei Monaten Anlauf auf der Langstrecke genähert. Andere hatten weniger Zeit, sich vorzubereiten, aber keine legte einen solchen Sprint mit fliegendem Start hin wie Swetlana Kusnezowa. Am frühen Samstagabend qualifizierte sich die Russin mit ihrem Turniersieg in Moskau als achte und letzte Starterin, ein paar Stunden später saß sie im Flieger, Sonntagmittag kam sie in Singapur an, zwei Tage nach der offiziellen Auslosung und nur kurz vor dem ersten Spiel des Turniers.




































Für Kusnezowa, die nach einer überraschend erfolgreichen Saison zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder beim Saisonfinale mitspielen darf, war es eine anstrengende, aber glückliche Annäherung. Sie ging zu Lasten der Britin Johanna Konta, die seit fast einer Woche in Singapur ist, die bei der offiziellen Auslosung das schönste Kleid trug, aber dennoch nicht auf die Bühne durfte, weil zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststand, ob sie spielen würde oder die Konkurrentin aus Russland. Hätte Kusnezowa das Finale in Moskau nicht gewonnen, wäre Konta drin gewesen, so wird sie sich als erste Ersatzspielerin zur Verfügung halten.




Vom Mitgefühl der anderen konnte sie sich zwar nichts kaufen, aber immerhin. „Sie tut mir wirklich sehr leid“, versicherte Kusnezowa am Sonntag kurz nach der Ankunft. „Das ist total schräg. So sind die Regeln, aber ich finde, jemand sollte sich darum kümmern.“ Eine solche Situation ließe sich leicht vermeiden, wenn es einen Stichtag für die Qualifikation gäbe. Angelique Kerber gibt sich der Hoffnung hin, die WTA werde sich der Sache annehmen. „So wie jetzt“, sagt sie, „ist es sicher nicht die beste Option.“ Man kann ja nicht von allen erwarten, sich so früh und so überzeugend in der Saison zu qualifizieren, wie sie es tat.





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