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Auf dem Tropenübungsplatz

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by November 23, 2016 General

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24. November 2016

Wie bewahrt man die Innovationskraft? Die erste Auslandsreise führt die neue Wirtschaftsministerin des Landes nach Singapur.

SINGAPUR. Der Stadtstaat Singapur zieht baden-württembergische Unternehmen an – wegen seiner Lage, aber auch wegen seiner Innovationskraft. Auf ihrer ersten Auslandsreise als Ministerin besucht Nicole Hoffmeister-Kraut den Stadtstaat.

“Block 71” beherbergt zwischen zugigen Gängen in aufgeräumten Büros voller junger T-Shirt-Träger die Zukunft Singapurs, jedenfalls einen Teil davon. In dem 70er-Jahre-Gebäude tummeln sich 250 Start-up-Unternehmen, der asiatische Stadtstaat unterstützt hier vom Computerspiele-Entwickler bis zum Hersteller von Linsen für Handykameras alles, was sich zu einem Geschäft entwickeln könnte. “Wir müssen in dem Bereich auch mehr tun!”, bilanziert Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut nach der Führung durch das asiatische Start-up-Zentrum. Auf ihrer Auslandsreise wird die CDU-Politikerin von Mittelständlern, Politikern und Wissenschaftlern begleitet. Vietnam wird die nächste Station der Reise sein.

Mit Singapur pflegt Baden-Württemberg seit Langem gute Handelsbeziehungen; 1995 hat die Landesbank Baden-Württemberg hier das erste “German Centre” ins Leben gerufen, um die Auslandsgeschäfte heimischer Mittelständler vor Ort zu unterstützen. 2015 hat Baden-Württemberg Waren im Wert von 1,1 Milliarden Euro nach Singapur exportiert, das sind 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr. “Als Exportland müssen wir diesen Wachstumsmarkt ständig beackern”, sagt die Ministerin.

Neben Firmenbesuchen und Vier-Augen-Gesprächen mit Ministern steht auch ein Gespräch mit der Leiterin der Nationalgalerie, Chong Siak Cheng, auf ihrem Programm. In wenigen Tagen feiert die Nationalgalerie erst ihr einjähriges Bestehen; ihr Vorzeigewerk ist ein vier Meter großes Ölgemälde des Indonesiers Raden Saleh von 1849. Es zeigt Tiger, die vor einem Waldbrand flüchten. Die von der Führung des “Tiger”-Staats geförderte Kunstszene soll Investoren ins Land locken und das Image der asiatischen Weltstadt fördern – Zensur, Kaugummiverbot und Todesstrafe zum Trotz. “Um weiter zu wachsen, brauchen wir neue, eigene Ideen. Singapur versucht deshalb mehr kreative Industrie anzusiedeln. Und Kunst fördert kreatives Denken”, sagt Chong Siak Cheng, die selbst Unternehmerin war, bevor sie den Chefposten bei der Nationalgalerie angetreten hat.

Der 5,5-Millionen-Einwohner-Staat gilt traditionell als “Tropenübungsplatz”, als Tor zu den neun weiteren Asean-Staaten mit mehr als 600 Millionen potenziellen Kunden. Die baden-württembergischen Exporte in die tropische Region haben sich in den vergangenen zehn Jahren auf nun 4,1 Milliarden Euro verdoppelt. Fast 1500 deutsche Unternehmen steuern von Singapur aus bereits ihre Geschäfte in den Asean-Staaten und oft auch darüber hinaus – davon 300 Firmen aus Baden-Württemberg.

Eine davon ist die Balluff GmbH aus Neuhausen auf den Fildern, ein Spezialist für Sensoren und Automatisierungstechnik, der seit 20 Jahren im Stadtstaat eine Vertriebsniederlassung unterhält. “Singapur ist ein guter Startpunkt für Asien, aber der Stadtstaat ist auch selbst als Markt nicht zu unterschätzen”, sagt Balluff-Geschäftsführer Michael Unger. Singapur ist das drittreichste Land der Welt und der industriell höchstentwickelte Staat im heterogenen Asean-Verbund, zu dem auch das wirtschaftlich rückständige Myanmar zählt. “Es gibt in Singapur praktisch keine Korruption, aber qualifizierte Arbeitskräfte und einen sicheren Rechtsrahmen für Investoren”, erläutert Tim Philippi, Geschäftsführer der Deutsch-Singapurischen Außenhandelskammer. Dagegen stehen hohe Personal- und Mietkosten, gibt Jörg Ellerkmann zu bedenken, Südostasienchef des Ditzinger Maschinenbauers Trumpf. Trotzdem lohne es sich. Start-up-Unternehmen, Digitalisierung, Industrie 4.0 – der Kleinstaat will nicht nur Tor nach Asien sein, sondern bei wirtschaftlichen Zukunftsthemen möglichst den Ton angeben. “Bei Industrie 4.0 haben wir die Nase noch vorn, aber Singapur holt schnell auf”, sagt Dietrich Birk, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) Baden-Württemberg. Schon deshalb gelte es, dranzubleiben – und die Chancen der Fokussierung Singapurs auf Investitionen in Bereiche wie autonomes Fahren oder die vernetzte Stadt zu nutzen. Die sich bietenden Möglichkeiten will auch der Walldorfer Softwarehersteller SAP nutzen. “Die Nachbarstaaten schauen stark auf Singapur”, sagt Thomas Zipperle, kaufmännischer Leiter von SAP Asia. Wer hier Erfolg hat, hat es – mit zeitlichem Abstand – also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Region. “Alle Asean-Märkte wachsen sehr dynamisch und haben eine sehr junge, wissbegierige Bevölkerung”, sagt Zipperle. “Für SAP bietet das im Rahmen der Digitalisierung enorme Chancen.” Gerade im Vorreiterstaat Singapur spiele die Technologie eine große Rolle. So wird von der Steuererleichterung bis zur Beantragung einer Arbeitserlaubnis vieles online erledigt.

Modernste Sicherheitstechnik ist eines der Segmente, auf die das Stuttgarter Unternehmen Bosch setzt, das schon seit 1923 in Singapur präsent ist. Bei einer Führung durch das Werk in Singapur zeigt Martin Hayes, Präsident von Bosch Asean, den Besuchern aus Baden-Württemberg ein kleines Gerät an der Decke, das aussieht wie ein unauffälliger Feuermelder. Dahinter verbirgt sich eine “intelligente Kamera”, die die Gemütsverfassung aufgezeichneter Personen analysieren kann. Eingesetzt wird das Gerät am neuen Terminal des Singapurer Flughafens, um potenzielle Terroristen aufzuspüren. “Singapur”, sagt ein Bosch-Mitarbeiter bei der Führung, “ist eine der am meisten beobachteten Stadt der Welt.” Das gilt mit Blick auf die hohe Kameradichte, aber auch mit Blick auf die wirtschaftliche Sonderrolle des Stadtstaats.

Fläche: 718 Quadratkilometer (Landkreis Emmendingen: 680 Quadratkilometer);
Einwohner: 5,5 Millionen (Baden-Württemberg: 11 Millionen)
Bruttoinlandsprodukt: 261 Milliarden Euro (Baden-Württemberg: 461 Milliarden Euro)
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 47 290 Euro (Ba-Wü.: 75 870 Euro)  

Autor: BZ

Autor: Roland Muschel

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